Die Entwicklung des ländlichen Genossenschaftswesens in der Provinz Hannover reicht weit ins 19. Jahrhundert zurück. Anders als in anderen Regionen Deutschlands wurden hier zunächst Molkereigenossenschaften gegründet, die noch bis Anfang des 20. Jahrhundert in relativ großer Zahl bestanden. Inwieweit den Kreditbedarf zunächst ausreichend die Sparkassen abdecken konnten, wird noch zu untersuchen sein. Die Erfindung der Entrahmungszentrifuge und deren Einsatz im Molkereiwesen ab Ende der 1870er Jahre beschleunigte dann die Verbreitung des Genossenschaftswesens in der Provinz Hannover. In einer Publikation des Reichsverbandes der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften heißt es hierzu: „Obwohl die erste Raiffeisenkasse auch bereits 1873 in der Provinz begründet worden war, dauerte es sehr lange, bis die Kreditgenossenschaften festen Fuß fassen konnten.“1 Erst die schwierige wirtschaftliche Lage in der Landwirtschaft Ende des 19. Jahrhunderts schuf die Voraussetzungen für die endgültige Verbreitung von Spar- und Darlehnskassen, zumal die städtischen Sparkassen den Kreditbedarf der Landwirtschaft nicht (mehr) hinreichend bedienen konnten.2

Mitte der 1880er Jahre waren es die Königliche Landwirtschaftsgesellschaft und die Landwirtschaftlichen Vereine, die sich „kräftig“3 für die Verbreitung des Genossenschaftsgedankens und für die Gründung von Kreditgenossenschaften engagierten. Bis 1907 entstanden in der Provinz Hannover 397 Kreditgenossenschaften, zudem waren dem Revisionsverband landwirtschaftlicher Genossenschaften in der Provinz Hannover und dem Hamburger Gebiete, dem für die hiesige Region zuständige Revisionsverband, 161 Bezugs- und Absatzgenossenschaften, 46 Viehverwertungsgenossenschaften, 45 Eierverkaufsgenosssenschaften und Genossenschaften mit anderen Funktionen angeschlossen (Stand 1906).4 Alle in der Grafschaft Bentheim ansässigen Genossenschaften widmet sich das Buch von Albert Rötterink Das Genossenschaftswesen in der Grafschaft Bentheim (1995).  Als Geldausgleichsstelle diente die Landesgenossenschaftskasse, die 1890 gegründet worden war (daneben gab es noch zentrale Einkaufsgenossenschaften).

Königliche Landwirtschaftsgesellschaft

Am 29. Mai 1764 hatte Georg III., König von Großbritiannien, Frankreich und Irland die Königliche Großbritannisch und Churfürstlich Braunschweig-Lüneburgsche Landwirtschafts-Gesellschaft zu Celle (später Hannover) genehmigt. An der Spitze dieser Gesellschaft stand ein Zentralausschuss, der schon früh die Bedeutung des Genossenschaftswesens für die Landwirtschaft erkannte. In der Sitzung am 2. Juli 1878 beschäftigte sich der Zentralausschuss intensiv mit der Verwertung der Milch und der Frage, inwieweit die Gründung „großer und kleiner Genossenschaftsbetriebe zu empfehlen sei“.5 Im Sommer darauf ließ sich der Zentralauschuss berichten, welche Erfahrungen man in anderen Regionen bereits mit der Gründung von landwirtschaftlichen Konsumvereinen und Spar- und Darlehnskassen(vereinen) gemacht hatte. Der Berichterstatter vertrat die Ansicht, dass dort, wo – wie es Raiffeisen auch in seinem 1866 erschienen Buch Die Darlehnskassen-Vereine als Mittel zur Abhilfe der Noth der ländlichen Bevölkerung, sowie auch der städtischen Handwerker und Arbeiter propagierte –, „Darleiher von Kapital und kleineren Vorschüssen zugleich Verkäufer notwendiger Verbrauchsartikel“6 waren, die weitere Ausbreitung der Konsumvereine gehemmt werde. Diese sei jedoch aber wichtig, da die Konsumvereine  ihren Mitgliedern nur „geprüfte und vorzügliche Saatwaren und Düngemittel möglichst billig“7 beschafften. Das war ein Problem, zumal private Händler schlechtes Saatgut oder Dünger häufig zu überhöhten Preisen verkauften, oftmals gekoppelt an Kredite, Ratenzahlungen oder Stundungen, was den kleineren Landwirt an diesen band, von ihm abhängig machte (oft auch als Wuchergeschäfte bezeichnet).8 Zur „Abhilfe solcher Notstände gäbe es nur einen einzigen Weg, und das wäre der der Assoziation, der Bildung von Spar- und Darlehnskassen“9.

Professor Dr. Drechsler (Göttingen) stellte sofort den Antrag, der einstimmig angenommen wurde:

Zentralausschuß wolle anerkennen, daß die in der Provinz Hannover bestehenden Kreditinstitute, wenngleich dieselben in ihrer Organisation große Vorzüge vor gleichartigen Instituten mancher anderer Landesteile aufzuweisen haben, doch nicht imstande sind, dem Bedürfnis vollständig zu genügen; Zentralausschuß wolle deshalb es sich angelegen sein lassen, auf eine Verbreitung der ländlichen Spar- und Darlehnskassenvereine, durch  welche bereits an manchen Orten große Erfolge erzielt sind, tunlichst hinzuwirken und zu diesem Zwecke den landwirtschaftlichen Hauptvereinen der Provinz unter Mitteilung des Protokolls über die heutige Verhandlungen zu empfehlen, die Hebung des landwirtschaftlichen Kreditwesens im Sinne der heutigen Verhandlungen des Näheren ins Auge zu nehmen.10

An die landwirtschaftlichen Hauptvereine in der Provinz wurde das Protokoll geschickt, zugleich die Musterstatuten für Spar- und Darlehnskassenvereine. Damit war die enge Verbindung zwischen Landwirtschaft bzw. den landwirtschaftlichen Interessenvertretungen und dem Genossenschaftswesen ‚besiegelt‘. Auch die spätere Landwirtschaftskammer, die mit einem Beschluss des Zentralausschusses 1899 aus diesem hervorging, hat den Genossenschaftsgedanken weiter gefördert.

Landwirtschaftliche Interessenvertretungen als wichtigste Akteure beim Aufbau des Genossenschaftswesens

Landwirtschaftliche Organisationen und Bauernvereine gehörten in vielen Regionen zu den wichtigsten Akteuren beim Aufbau des Genossenschaftswesens. Im Rheinland etwa, wo Raiffeisen im Westerwald sein Genossenschaftskonzept formuliert und erprobt hatte, waren die Ideen vor allem durch den Landwirtschaftlichen Verein für Rheinpreußen publik geworden, der ebenfalls seit seiner Gründung 1833 sich mit Fragen rund um den landwirtschaftlichen Kredit befasst hatte. Auch der Rheinische Bauernverein (gegr. 1882) machte das Fehlen passender Finanzintermediäre mit seiner Gründung zum Thema.11 Die Bauernvereine waren vor dem Hintergrund des Bedeutungsverlustes der Landwirtschaft entstanden – ihre Ziele waren gesellschaftspolitischer Natur: Die „Hebung des Bauernstandes“.12 Der Westfälische Bauernverein nahm sich 1883 erstmals der Sache an und stieß an, „planmäßig mit der Gründung von Spar- und Darlehnskassen“13 vorzugehen. Im Trierer Raum gründete der Kaplan Dasbach 1884 einen Bauernverein und war wenige Jahre später auch der Gründer eines Genossenschaftsverbandes.

Die Gründung der Vereinigung deutscher landwirtschaftlichen Genossenschaften durch Wilhelm Haas und seine Mitstreiter im Jahr 1883 gab der Bewegung weiteren Anschub. Mit der Anstellung eines „Wanderlehrers zur Förderung der Lebensversicherung , der Raiffeisenschen Darlehnskassenvereine und der landwirtschaftlichen Konsumvereine“ 1885 war ein wichtiger Schritt zur Durchsetzung der Genossenschaftsidee gemacht. Zunächst wurde der Lehrer Born aus Hameln nebenamtlich angestellt, doch schon nach kurzer Zeit wurde deutlich, dass diese Aufgabe mehr Zeit beanspruchte. Am 5. Februar 1886 begann August Fricke seine Tätigkeit als Wanderlehrer.14 Sein Nachfolger Rudolf Rühling, mit dem sich einer der nächsten Beiträge ausführlich befassen wird, trat 1914 seinen Dienst an. Rühling war für die Gründung der Grafschafter Volksbank eG von großer Bedeutung.

 

 

 

1. Festschrift zum fünfundzwanzigsten Bestehen des Reichsverbandes der deutsche landwirtschaftlichen Genossenschaften 1883-1908, 1908, S. 78.

2. Ebd.

3. Ebd.

4. Ebd.

5. Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens des Verbandes hannoverscher landwirtschaftlicher Genossenschaften e.V. zu Hannover 1889-1914, 1914, S. 6.

6. Ebd.

7. Ebd.

8. Siehe beispielsweise Barre, Ernst: Ueber den ländlichen Wucher im Saar- und Mosel-Gebiet, in: Preussische Jahrbücher 62 (1888).

9. Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens des Verbandes hannoverscher landwirtschaftlicher Genossenschaften e.V. zu Hannover 1889-1914, 1914, S. 6.

10.  Ebd.

11. Zur Entwicklung im Rheinland siehe Schlütz, Frauke: Ländlicher Kredit. Kreditgenossenschaften in der Rheinprovinz (1889-1914) (Schriftenreihe des Instituts für bankhistorische Forschung 25), Stuttgart 2013.

12. Ebd., S. 111.

13. Reichsverband der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften zu Berlin (Hg.), Taschenbuch, S. 277. Mehr zur Entwicklung in Westfalen in Schlütz, Frauke: Kreditgenossenschaften in Westfalen, in: Westfälische Forschungen 67 (2017), S. 143-162.

14. Siehe auch Busche, Manfred: Öffentliche Förderung deutscher Genossenschaften vor 1914. Ein Beitrag zum Ausbau einer Genossenschaftspolitik, Berlin 1963, S. 38.