„Johannssen wurde zu einem der bedeutendsten Förderer der Solidarisierung zunächst der niedersächsischen und danach aller deutschen Landwirte!“1

 

Peter Johannßen (Quelle: Genossenschaftshistorisches Informationszentrum – Berlin)

 

Wer die Gründungsgeschichten unserer Grafschafter Genossenschaften und speziell der damaligen Spar- und Darlehnskassen besser verstehen will, kommt nicht drum herum, ein klein wenig in die Biografie dieses Mannes einzutauchen: Peter Jacob Johannßen.

„Man greift nicht fehl, wenn man Johannssen, weniger wohl als den eigentlichen Träger und Verbreiter des genossenschaftlichen Gedankens, des Genossenschaftswesens an sich hinstellt, als vielmehr als den eigentlichen Schöpfer der hannoverschen Genossenschaftsorganisation bezeichnet. Das ist er zweifellos gewesen.“2 Dies schrieben Weggefährten anlässlich seines Eintritts in den Ruhestand.

Aber von vorn:

Als Sohn eines Hofbesitzers in vierter Generation gehörte er dem jeweils aus mehreren Familien bestehenden Geschlechterverbänden an – speziell dem einflussreichen Geschlechterverband der Vogtemannen, deren erste Aufgabe die Kultivierung des eingedeichten Landes war. Diese spielten in der gut 300-jährigen Dithmarscher Bauernrepublik unter der losen Schirmherrschaft des Bremer Erzbischofs eine große Rolle in der Selbstverwaltung der Landwirtschaft.3 In diesem Zusammenhang müssen auch die Deichgenossenschaften genannt werden. Hier liegen wahrscheinlich die Wurzeln seines Bemühens um den auf Selbsthilfe und Selbstverwaltung fußenden genossenschaftlichen Gedanken.

Auf dem väterlichen Hof eignete er sich die Grundlagen der landwirtschaftlichen Praxis an und vertiefte diese bei sich jeder bietenden Gelegenheit in anderen sowie größeren Betrieben und während seiner Universitätsferien.4

1878 – 1880  Studium der Landwirtschaft und verwandter Fächer in Halle/Saale5

1880 – 1882  Fortsetzung des Studiums in Kiel.6 Die staatliche Lehramtsprüfung bestand er mit „gut“. Bedeutende Agrarwissenschaftler und auch ein Nationalökonom beeinflußten seine Studienzeit und entwickelten bei ihm ein durchdringendes Verständnis für Wirtschaft, Erfordernisse und Zusammenhänge.7

Nach dem einjährigen, freiwilligen Wehrdienst leistete er sein Probejahr an der Landwirtschaftsschule in Hildesheim. Sein erster Kontakt zur damaligen Provinz Hannover.8

Es folgten mehrjährige Tätigkeiten als Lehrer an den Landwirtschaftsschulen Annaberg (Erzgebirge) und Chemnitz (Sachsen). Nebenbei war er als Landwirtschaftlicher Wanderlehrer und Betriebsberater tätig.9

In seiner schleswig-holsteinischen Heimat kam Peter Johannßen erstmalig mit dem Genossenschaftswesen, speziell der Molkereigenossenschaften in Berührung. Wichtige Mentoren waren die Genossenschaftsfunktionäre Karl Boysen (Generalsekretär des landwirtschaftlichen Hauptvereins in Kiel) und Wilhelm Biernatzki (Geschäftsführer des Verbandes schleswig-holsteinischer landwirtschaftlicher Konsumvereine).

1886 – 1889  Lehrer an der Landwirtschaftsschule Hildesheim10

Führende Landwirte der damaligen Provinz Hannover wurden auf den jungen Landwirtschaftslehrer aufmerksam. Sie schlugen ihn vor, als die Stelle eines Generalsekretärs der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft zu besetzen war – der Zentralausschuss berief ihn am 26. Februar 1889. Damit hatte er ein seiner Veranlagung, seinen Kenntnissen und seinen Fähigkeiten entsprechendes, weitgespanntes Arbeitsfeld gefunden. Die Landwirtschaft befand sich zu der Zeit in einer schwierigen Phase und stand vor großen Herausforderungen. In diesem Entwicklungsprozess der Intensivierung erkannte er das notwendige Zusammenwirken der technischen als auch der wirtschaftliche Seite.[^ 11]

Es gelang Peter Johannßen mit seiner Einstellung und seinen Fähigkeiten, eine neue sich entwickelnde gesellschaftliche Haltung zu wecken und zu fördern: die Solidarisierung des Berufsstandes Landwirtschaft! In diesem Zusammenhang setzte er sich schon bald nach seiner Einstellung als Generalsekretär nachdrücklich für den Aufbau und Ausbau ländlicher Genossenschaften und ihrer Zusammenschlüsse ein.12

Am 4. Juni 1899 übernahm die neu gegründete Landwirtschaftskammer der Provinz Hannover die Rechtsnachfolge der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft. Peter Johannßen wurde zum Hauptgeschäftsführer bestellt. Der Übergang von der alten in die neue Organisation gelang ihm – dank seiner organisatorischen Fähigkeiten, seiner Umsicht und seinem unermüdlichen Arbeitseinsatz – ohne größere Probleme.

1889 – 1899  Generalsekretär der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft, anschließend von 1899 – 1924  Hauptgeschäftsführer und ab 1912 Direktor der 1899 neu gegründeten Landwirtschaftskammer Hannover.

Verbandsgebäude in der Leopoldstraße in Oldenburg, hier Sitz des Verbandes bis 1924 (Quelle: 75 Jahre ländliche Genossenschaftsarbeit in Hannover-Braunschweig, 1964)

Im Juli 1889 trafen sich Vertreter von Molkereigenossenschaften in Bassum zur Gründung eines Molkereiverbandes für den Regierungsbezirk Hannover. Als Generalsekretär der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft gelang es Peter Johannßen die Vertreter davon zu überzeugen, anstatt eines Molkereiverbandes gleich einen Revisionsverband für alle ländlichen Genossenschaften zu errichten. Bei der Gründungsversammlung am 5. September 1889 wirkte er maßgeblich als Berichterstatter über die Erläuterung, Besprechung und Annahme des Verbandsstatuts nach den Ideen Wilhelm Haas´. 53 Genossenschaften verschiedener Sparten gründeten nun den “ Revisionsverband der landwirtschaftlichen Genossenschaften in der Provinz Hannover und dem Hamburger Gebiet“. Zwei Jahre nach dem Bestehen wurde er als ehrenamtlicher Verbandsdirektor mit der Leitung betraut.13

1891 – 1933  ehrenamtlicher Verbandsdirektor des Revisionsverbandes, der 1926 den Verband des Regierungsbezirks Hildesheim aufnahm und 1931 mit der Verschmelzung des Verbandes Braunschweig zum Verband ländlicher Genossenschaften Hannover-Braunschweig e.V. wurde. Nach nahezu 42 Jahren wurde er auch hier zum Ehrenpräsidenten gewählt.14

 

Verbandstag (Quelle: 75 Jahre ländliche Genossenschaftsarbeit in Hannover-Braunschweig, 1964)

 

Was hat das mit uns zu tun?

Wer nun versteht, welche Gedanken und Ideen Peter Johannßen bewegten, mit welcher Überzeugung und Einsatzfreude er diese umzusetzen versuchte, um die damaligen Herausforderungen für die gesamte ländliche Bevölkerung anzugehen, der versteht auch, welche Bedeutung der Wanderlehrer August Fricke (Amtszeit 1886 – 1914) und später sein Nachfolger Rudolf Rühling (Amtszeit 1914 – 1939) für ihn gehabt haben müssen. Hierdurch erreichte er die Menschen in den örtlichen Bauernvereine, die überörtlichen landwirtschaftlichen Haupt- und Zweigvereine über den Zentralausschuss der Königlichen Landwirtschaftsgesellschaft – später Landwirtschaftskammer – bis in das einzelne ländliche Dorf hinein. Durch diese Persönlichkeiten gelang es, die Solidarisierungen in der Provinz Hannover zu stärken und das genossenschaftliche Gedankengut überzeugend weiterzutragen. Jede einzelne Genossenschaft war dabei nicht nur wegen ihrer Rechtsform eine demokratische Keimzelle, die letztendlich auch intensive und starke gesellschaftspolitische und sozialpolitische Wirkungen erzeugte.

Diesen beiden Wanderlehrern August Fricke und Rudolf Rühling widmen wir unsere nächsten Beiträge.

 

Ämter – Peter Johannßen bekleidete nachfolgende weitere wesentliche Ämter:15

1895 -1929  Vorsitzender des Vorstandes der Hauptgenossenschaft e.G.m.b.H. Hannover

1929 – 1933  Vorsitzender des Aufsichtsrates der Hauptgenossenschaft e.G.m.b.H. Hannover

1890 – 1896  Mitglied des Vorstandes der Landesgenossenschaftsbank e.G.m.b.H. Hannover

1896 – 1933  Mitglied des Aufsichtsrates (ab 1913 Aufsichtsratsvorsitzender) der Landesgenossenschaftsbank e.G.m.b.H. Hannover

1889 – 1904  Hauptschriftleiter der „Hannoverschen Land- und Forstwirtschaftlichen Zeitung“ (Organ der Kgl.Ldw.Gesellschaft u. LWK Hannover)

1897 – 1930  stellvertretender und nach dem Tode von Wilhelm Haas ab 1913 Präsident des Reichsverbandes deutscher landwirtschaftlicher Genossenschaften, der damals größten Genossenschaftsorganisation der Welt. Mit der von ihm ebenfalls maßgeblich geprägten Verschmelzung mit dem gleichzeitig bestehenden Raiffeisenverband und fünf kleinerer Verbände ländlicher Genossenschaften zum Reichsverband der deutschen landwirtschaftlichen Genossenschaften -Raiffeisen- e.V. wurde er 1930 zum Ehrenpräsidenten gewählt.

Ehrungen – sein verdienstvolles Wirken wurde neben mehreren hohen Orden und Ehrenzeichen vielfach gewürdigt:16

1896  Ernennung zum Königlich Preußischen Ökonomierat

1906  Ernennung zum Landesökonomierat

1916  Anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Verbandes hannoverscher landwirtschaftlicher Genossenschaften wurde in Hannover eine Stiftung gegründet und nach ihm benannt: Peter-Johannßen-Stiftung. Die Stiftungserträge wurden in erster Linie zur Nachwuchsförderung bestimmt. Am 20. April 1928 wurde aus Anlass des 70. Geburtstags die Peter-Johannßen-Medaille gestiftet für überregionale „herausgreifende“ Verdienste um das ländliche Genossenschaftswesen im Verbandsbereich. Diese wurde bis 1933 verliehen. Dann wieder ab 1959.

1928  Verleihung der Doktorwürde „agr. honoris causa“ durch die Universität Bonn

1941  Errichtung eines Ehrenmals durch die hannoverschen Genossenschaften an seiner letzten Ruhestätte in Marne (Kreis Dithmarschen)

1952  anlässlich des Raiffeisentages in Hannover wurde die damalige Leopoldstraße, an der er nahezu 44 Jahre gewohnt hatte, in Peter-Johannßen-Straße umbenannt. Dort steht auch heute noch ein Verwaltungsgebäude der jetzigen Landwirtschaftskammer Niedersachsen

 

 

1. Meyerholz, Heinrich: Peter Johannßen – Ein Lebensbild, Hannover 1969, S. 9.

2. Sonderbeilage der Hannoverschen Land- und Forstwirtschaftlichen Zeitung, Jahrgang 1924, Artikel zum Ausscheiden als Direktor der Landwirtschaftskammer.

3. Meyerholz: Lebensbild, S. 1-2.

4. Ebd., S. 3-4.

5. Ebd.

6. Ebd.

7. Ebd.

8. Ebd.

9. Ebd., S. 5.

10. Ebd.

11. Ebd., S. 5-6.

12. Meyerholz: Lebensbild, S. 9.

13.  Sonderbeilage; Meyerholz: Lebensbild, S. 16; Festschrift zur Feier des 25jährigen Bestehens des Verbandes hannoverscher landwirtschaftlicher Genossenschaften e.V. zu Hannover 1889-1914, 1914, S. 9-11.

14. Sonderbeilage; Meyerholz: Lebensbild, S. 20;

15. Siehe zu den Ämtern:  Sonderbeilage; Meyerholz: Lebensbild, S. 6-7, 18-20.

16. Siehe zu den Ehrungen: Sonderbeilage; Meyerholz: Ein Lebensbild, S. 17, 19-23.